Thayana
Vor vielen Hunderten von Jahren wohnten in den damals endlosen Thayawäldern Lip, der arme Kohlenbrenner und sein liebreizendes Töchterlein, das seinem Vater beim Abliefern der Holzkohle in den nahen Pulvermühlen an der Thaya behilflich war.
Es war ein braves und liebes Mädchen, fleißig führte es seinen Esel täglich die Uferwege der Thaya entlang, lieferte dann die schweren Kohlensäcke ab und war immer fröhlich und guter Dinge.
Wenn die Tochter des Kohlenbrenners mit ihrer Arbeit fertig war, badete sie allabendlich in den Fluten des Flusses, zog ein weißes Kleid an und schmückte den Esel mit Blumen. Sie war zu jedermann gut und freundlich und man nannte sie überall die Fee Thayana.
Nun wohnte auf der nahen Burg Reiterstein ein wilder und wüster Geselle, Ritter Kuno mit Namen, dem das hübsche Mädchen so gut gefiel, daß er es sich in den Kopf gesetzt hatte, es zu seiner Frau zu machen. Er stellte ihm nach, lauerte ihm in den Wäldern auf und machte dem Mädchen das Leben sauer.
Auch ein Bauernbursche aus dem nahen Dorf begehrte Thayana zur Frau. Sie jedoch wies ihn zurück, weil sie die Absicht hatte, in das nahe Kloster Steinleiten einzutreten und ihr Leben als Nonne zu verbringen. Der Haß des verschmähten Bauernburschen war groß. Thayana aber ließ sich nicht erweichen und trat tatsächlich in das Kloster ein.
Hans Igel - so hieß der Bauernbursch - sann auf Rache. Er wußte von den Absichten des wüsten Ritters Kuno und beschloß, das Mädchen gegen Bezahlung in dessen Hände zu spielen. Der Zwerg Buko, der im Kloster den Dienst eines Gärtners und Beschließers versah, sollte ihm dabei gute Dienste leisten.
Eines Tages traf Hans Igel Buko bei einem Gang durch die Wälder. Sie kamen ins Gespräch und der gottlose Zwerg verriet dem Burschen, daß das Mädchen täglich eine Stunde außerhalb der Klostermauern im Grünen spazierengehe und sich unter einer großen Buche auszuruhen pflege.
Bald genug sollte nun dem Burschen sein böser Plan gelingen. Als Thayana sich an einem schwülen Augusttag wieder einmal unter der Buche ausruhte, schlich er sich an sie heran, betäubte sie und schleppte die Wehrlose auf die Burg Reiterstein, wo ihn Kuno fürstlich belohnte.
Als der Vater Thayanas erfuhr, was seinem einzigen Kinde geschehen war, kannte sein Zorn keine Grenzen. Wuterfüllt rannte er auf die Burg, schlug dem Ritter mit einer mächtigen Holzaxt den Schädel ein und sprengte Reiterstein mit einer großen Menge Pulver, das er in Säcken aus den Pulvermühlen geholt hatte, vollständig in die Luft. Dann erschlug er noch den Klostergärtner und den bösen Hans Igel, der sein Kind verraten hatte. Thayana, der es gelungen war, von der Burg zu fliehen, wurde vor Schmerz über die Tat des Vaters wahnsinnig. Sie fand den Kohlenbrenner auf einem der hohen Thayafelsen stehen. Der Wahnsinn schenkte ihr außergewöhnliche Kräfte und sie stürzte den Vater vom Felsen in die Tiefe. Dann irrte sie hinaus in die Uferwälder und kein Mensch hat sie jemals mehr gesehen.
Quelle: Tielsch-Felzmann, Ilse: Südmährische Sagen, München: Heimatwerk, 1969, S. 79ff.





