Die Thayafee
Beim Klein-Grillowitzer Thayasteg schlummert tief unter dem Wasser die Thayafee. Sie ist eine vor vielen Jahren verzauberte Müllerstochter. Erwacht sie, dann tönt, besonders an schönen Sommertagen oder in hellen Mondnächten, ihr lieblicher Gesang über die friedliche Thayalandschaft.
Es war an einem Maisonntag, als zwei junge Mädchen den Weg entlangkamen. In der Nähe des Steges vernahmen sie den Gesang der Fee. Lieblich und glockenrein stiegen die Töne aus dem Wasser empor in den
sonnigen Tag. Die Weiden am Flußrand neigten ihre Wipfel herab, die Wellen hörten zu plätschern auf, die Tiere, Hasen und Füchse, kamen herbei und legten sich friedlich ins Gras um zu lauschen.
Auf der Schotterinsel im Fluß saßen hunderte von Vögeln und die Fische im Wasser standen still vor Staunen. Aber auch die Mädchen waren ergriffen von dem wunderbaren Lied, das aus dem Wasser zu ihnen heraufklang und standen am Flußufer um zuzuhören.
So verging die Zeit, bis die Geschichte einem der Mädchen doch zu unheimlich wurde. "Ich gehe jetzt heim", sagte es zu seiner Freundin, "wer weiß, vielleicht geht das alles nicht mit rechten Dingen zu!" Das andere Mädchen war einverstanden, es begann sich auch schon zu fürchten und so gingen sie, noch ehe die Fee mit ihrem Lied zu Ende gekommen war, ohne sich noch einmal umzusehen.
Das kränkte die Fee. Ihr Gesang wurde plötzlich so schmerzlich und klagend, daß die Uferweiden erbebten und die Tiere erschreckt davonliefen. Aber auch die Mädchen, denen das traurige Lied nachklang, begannen erschrocken zu laufen, bis sie das Dorf erreicht hatten.
Seither ist die Thayafee menschenfeindlich geworden. Es kommt nur noch sehr selten vor, daß ein Vorübergehender oder ein Fischer ihre schwermütigen Lieder vernimmt.
Quelle: Tielsch-Felzmann, Ilse: Südmährische Sagen, München: Heimatwerk, 1969, S. 76f.





