Der Wassermann
Zu einem Fleischhauer in Unter-Tannowitz kam, solange die Leute denken konnten, täglich ein uralter, ungemein magerer großer Mann, um eine bestimmte Menge Fleisch einzukaufen. Niemand kannte ihn, denn er sprach nur einige Worte mit dem Meister und dieser selbst wusste nur, dass sein Kunde schon zu seinem Vorgänger, seinem Vater, täglich gekommen sei und wie er glaubte, auch zu seinem Großvater schon gekommen wäre. Und die ältesten Leute der Gemeinde bestätigen dies auch. Doch niemand konnte angeben, woher er sei, er kam stets vom Wege der nach Muschau an der Thaya führte, doch auch dort ergab die Nachfrage kein Ergebnis.
Ein gar unwirscher Gast war der Fremde, nichts war ihm recht. Er nörgelte am Gewicht und am Gelde, suchte täglich die Güte dass keinen Stücken Fleisches herabzusetzen und den Preis niederzudrücken und der erstere ersann nach langen Grübeln ein Mittel, um dem unbequemen Gast das Wiederkommen gründlich zu verleiden.
Als eines Tages, während der Fleischhauer dem Alten das verlangte Fleisch von einem großen, schönen Rinder Rippenstück herunterhieb, dieser wie gewöhnlich mit dem ausgestreckten Zeigefinger der wachsbleichen, knochigen Hand das prächtige Fleisch prüfend betastete, schlug er schnell mit dem Beile zu und trennte den Finger mit kräftigem Schlage von der Hand. Der Alte stieß keinen Laut aus. Er besah sich die Wunde, aus der zum Entsetzen des Fleischers kein Blut, nur ein paar Tropfen trüben Wassers träufelten, und steckte gelassen den Zeigefinger ein. Dann wandte er seine merkwürdig halbblauen, wässerigen Augen dem Meister zu und raunte: "Dich krieg ich schon noch". Er drehte sich um und ging. Kein Mensch hat ihn mehr gesehen.
Der Fleischer aber ging von nun an in steter Angst vor etwas, das auf ihn lauerte, umher. Und es kam es kam ein schreckliches Wolkenbruch, so dass das Wasser wie eine mannshohe Welle hob. Das Gesinde sah deutlich die Gestalt des alten Mannes und hörte ein schauriges Lachen. Als die Leute sich ihrem Herrn näherten, der mit dem Gesichte nach unten im Wasser lag, war es zu spät, er war ertrunken. Der Wassermann ihn geholt!
Der Wassermann gehört zu den gefallenen Engeln, von deren Gott die eine Hälfte in die Hölle, die andere ins Wasser gestürzt hat. Und die Eltern warnen ihre Kinder vor der Thaya und vor dem Brunnen: "Geht nicht so nahe an´s Wasser, sonst holt euch der Wassermann".
Quelle: http://campus.fortunecity.com/mandela/686/vod1ge.htm





