Raurinkelein und Stuzimuzi
Zwischen Waltrowitz und Gurwitz liegt eine Steinbruchgrube, von der die Sage folgendes erzählt:
In alten Zeiten stand an dieser Stelle ein wunderschönes Schloß, das jedoch, als die Schweden durchs Land zogen, zerstört wurde.
Ehe die Söldnerscharen kamen, flüchteten die Bewohner in die unterirdischen Räume und verbargen sich dort. Jahre später tauchten in der Gegend zwei Mädchen auf, welche allen jenen Wohltaten erwiesen, die Tiere gut behandelten. Jene aber, die ihren Tieren bei der Arbeit keine Ruhe gönnten, sie schlecht fütterten oder schlugen, hatten nichts Gutes zu erwarten.
Einmal ackerte im Steinbruch - so werden die Äcker jener Gegend genannt - ein Bauer. Als es gegen Abend ging und er schon starken Hunger hatte, glaubte er den Duft frischen Brotes zu verspüren und sagte zu sich selbst: "Raurinkelein und Stuzimuzi werden wohl gerade Brot backen! Wenn sie wüßten, wie mich hungert, würden sie mir bestimmt auch ein Stück davon geben!" Dann ackerte er fleißig weiter.
Und siehe da, als er mit dem Pflug wieder in die Nähe seines Wagens kam, lag auf seinen Kleidern ein frischgebackenes Brot. Weit und breit jedoch war niemand zu sehen, dem er dafür hätte danken können.
Ein andermal ging ein Mann nachts am Steinbruch vorbei und sah zwei Gestalten in der Grube verschwinden. Er wollte sich einen Spaß erlauben und rief ihnen nach: "Raurinkelein und Stuzimuzi, geht ins Dorf, dort ist ein Kind krank!" Die beiden Mädchen waren nämlich auch als heilkundig bekannt.
Raurinkelein und Stuzimuzi glaubten, er spräche die Wahrheit, und eilten wirklich ins Dorf. Mehrere Leute haben sie dort von Haus zu Haus laufen und in die Fenster blicken sehen. Als sie jedoch merkten, daß sie zum Besten gehalten worden waren, rächten sie sich auf ihre Weise. Sie ließen das Kind des Mannes, das am Morgen noch frisch und gesund gewesen war, schwer krank werden.
Einmal, in einer stürmischen Winternacht, knapp nach Weihnachten, saß eine Familie in Klein-Olkowitz beim Federnschleißen. Da klopfte es ans Fenster und draußen stand ein altes Weiblein, das um eine Herberge bat. Der Bauer ließ es ein, es setzte sich zum Tisch und hatte im Nu sämtliche Federn geschlissen. Als die Bäuerin das Weiblein daraufhin bat, doch als Magd am Hofe zu bleiben, sagte es bereitwillig zu. In kurzer Zeit nahm der Hof einen großen Aufschwung. Glück und Segen hatte das Weiblein ins Haus gebracht. Nach drei Jahren saßen wieder alle Bewohner des Hofes in der Stube beim Federnschleißen beisammen, als es wiederum ans Fenster klopfte und eine feine Stimme rief:
"Raurinkerl, sollst heimkommen, Stuzimuzerl ist gestorben!“
Da brach das Weiblein in lautes, jämmerliches Klagen aus, stand vom Tisch auf und lief in die Nacht hinaus. Seit jenem Abend hat niemand mehr Stuzimuzerl oder Raurinkerl zu sehen bekommen.
Quelle: Tielsch-Felzmann, Ilse: Südmährische Sagen, München: Heimatwerk, 1969, S. 67ff.





